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Robert Harris - MünchenRobert Harris
München

KEN. Robert Harris steht für mich nach einem Interview des Kulturmagazins »ttt – titel, thesen, temperamente« für vorbildliche Schreibdisziplin: drei Monate lang jeden Tag 1.000 Wörter – und das nächste Buch ist fertig. So bleibt genügend Zeit für umfangreiche Recherchen zum jeweiligen Thema. Bei »München« geht es um eine Verhandlung, die den Zweiten Weltkrieg leider nur verschob.

 

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Im September 1938 treffen sich Englands Premierminister Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsident Édouard Daladier, Italiens Diktator Benito Mussolini und der gebürtige Österreicher Adolf Hitler kurzfristig in München. Sie sprechen über die Eingliederung des Sudentenlandes mit seiner überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung in das Deutsche Reich. Tatsächlich geht es beim »Münchner Abkommen« jedoch um mehr: um den Weltfrieden.

Die Welt von 1938 am Abgrund des Kriegs

In dieses Ereignis hinein webt Robert Harris die Freundschaft zwischen dem Engländer Hugh Legat und dem Deutschen Paul von Hartmann. Beide kennen sich aus Studienzeiten in Oxford und München. Die Dritte um Bund ist die Jüdin Lena, die schon früh gegen den deutschen Diktator in den Widerstand geht.

In München nehmen Hugh Legat und Paul von Hartmann sechs Jahre nach ihrem letzten Treffen wieder Kontakt zueinander auf und bringen sich gleichzeitig schon damit in Lebensgefahr. Während der eine als Abgesandter des Außenministeriums seinen Premierminister vor allem unterstützen will, den drohenden Krieg durch Verhandlungen abzuwenden, versucht Paul von Hartmann in die unmittelbare Nähe Adolf Hitlers zu kommen, um ihn mit einer eingeschmuggelten Pistole zu töten.

Robert Harris schreibt mit »München« die Geschichte keinesfalls neu. Er porträtiert über Hugh Legat und Paul von Hartmann die Nöte und den Wahn der damaligen Entscheidungsträger, ihrer Anhänger und Gegner. Seine Beschreibungen und Bewertungen sind dabei insgesamt eher britisch: Da gibt es mehrere Stockwerke hohe Fahnen mit dem Hakenkreuz an öffentlichen Gebäuden, die teils »groteske« Baukunst der Faschisten, ihre üblicherweise »geschmacklose« Kleidung und den lächerlichen Personenkult.

Die Deutschen sind eher feist, hässlich und dem Verhandlungsgeschick der Englänger stets unterlegen. Der Oberste aller Nazis spricht grundsätzlich »blechern« und ist aus der Nähe eine unscheinbare Gestalt. Adolf Hitler stinkt wie ein verschwitzter Handwerker nach mehreren Tagen im gleichen Hemd, wird von den frühen Widerständlern als »Nichtenficker« verschrien und unterhält eine intensive bis verdächtige Männerfreundschaft mit Italiens Duce. An anderer Stelle riechen auch die Häscher der Gestapo und der SS alle irgendwie typisch, vor allem aber schlecht.

Ich finde »München« grundsätzlich spannend und atmosphärisch dicht. Trotzdem dachte ich beim Lesen an die Engländer, die 2006 in Stuttgart bei der Fußball-Weltmeisterschaft grölend zu den Public Viewings rudelten. Auf ihren T-Shirts stand: »We bombed them down!«. Wenn das die englische Übersetzung von »Nie wieder!« sein sollte, fand ich sie misslungen. Robert Harris hat mit »München« einen anderen Bezug zur aktuellen Weltpolitik.

Neben den Unbelehrbaren, die die Geschichtsbücher weder lesen noch zu verstehen scheinen, feiern skrupellose Politiker die 1930er Jahre als Modell, um sich in genau diese Geschichtsbücher hineinzutätovieren. Sie bauen Paläste und Autobahnen, tun »Gutes« für das Volk im Namen der »Partei«. Sie haben eindeutige Sündenböcke und verhaften Zehntausende, ohne die Frage zu beantworten, wohin sie in nur wenigen Monaten so viele Menschen deportieren. Vor allem auch unter welchen Bedingungen, während sie gleichzeitig offiziell für die Wiedereinführung der Todesstrafe werben.

Wieder gibt es viele Stockwerke hohe Banner an öffentlichen Gebäuden und fahnenschwenkende, fanatisierte Massen, die in diesem, meinem aktuellen Fall, ihrem »Reis« zujubeln. Auf die Frage, wie er Demokratie und seine Rolle als Alleinherrscher miteinander verbindet, bezog sich der türkische Präsident bei einem Interview für eine Dokumentation über sich, die auf n-tv veröffentlicht wurde, direkt auf Adolf Hitler. Gerade der sei ein historisches Beispiel dafür, dass das funktioniere.

»München« beschreibt auf knapp 400 Seiten vier Tage im September 1938. 80 Jahre später kommt einem all das bekannt vor, als wäre der Wahn von damals wieder gesellschaftsfähig und als ginge es nur noch darum, ihn zu überbieten. – Dass wir von der Geschichte lernen sollen, war ganz sicher anders gemeint.

Robert Harris – München



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